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Der proctopus blog ist ein Online-Magazin für den Einkauf und die Logistik im Wandel. Was uns besonders macht: Unsere Experten berichten direkt von der Einkäufer-Front. Dabei zählt für uns das große Ganze und nicht die Einzellösung. Sowohl im Blog, als auch an der Front.

Expertenrunde 
Kooperationen im Einkauf

Zu ängstlich, zu perfektionistisch 

08. Mai 2019, Lesezeit 8 Minuten

Auf den BME-e Lösungstagen 2019, dem größten Kongress zum digitalen Einkauf, diskutierten Experten aus Wirtschaft, Forschung und Verbänden in der Mercateo Network Lounge über die Zukunft des Einkaufs und seine Chancen durch virtuelle Einkaufs- und Digitalisierungsplattformen. Lesen Sie hier die Zusammenfassung. Die Videoaufzeichnung der Expertenrunde
finden Sie hier auf YouTube.

Die meisten Vorteile digitaler Business-Plattformen sind offensichtlich. Sie reduzieren Prozesskosten, ermöglichen sowohl Synergie- als auch Bündelungseffekte, verschlanken und flexibilisieren die Unternehmen und eröffnen neue Vertriebswege. Ein zentraler Faktor digitaler B2B-Plattformen wird allerdings übersehen: Die Chance, sich mit anderen Mittelständlern und Einkäufern zu verbünden, um der immer schneller und stärker werdende Konkurrenz aus Asien und den USA die Stirn zu bieten. Das Problem: Viele Unternehmer, Konstrukteure und Einkäufer haben Angst sich zu öffnen und gehen zu perfektionistisch ans Werk. Doch damit gefährden sie sich selbst.

 Wettbewerbsstärke durch Kooperationen 

 Im Gegensatz zu reinen Softwarelösungen sind Online-Plattformen keine Silos, sie eröffnen Unternehmen völlig neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Ob im Einkauf, bei der Forschung und Entwicklung oder im Vertrieb. Amerikaner und Asiaten haben das längst verstanden und nutzen die neuen Möglichkeiten zur Kollaboration. 

 

Doch deutsche, schweizerische sowie österreichische Unternehmen und Einkaufsabteilungen lassen sich ungern in die Karten schauen. Sie haben Angst vor zu großer Transparenz, Industriespionage oder schlicht davor, übervorteilt zu werden. Allerdings sind Einkaufsplattformen, Künstliche Intelligenz, Big Data und Co. sind nicht mehr aufzuhalten. Diese Technologien werden auch von Firmen aus Asien und den USA immer weiter vorangetrieben, da für sie die Vorteile die Nachteile klar überwiegen. Sie betrachten vermeidliche Mitbewerber nicht nur als Konkurrenten, sondern auch als mögliche Kooperationspartner. 

 

Die Deutschen, Österreicher und Schweizer hingegen sind zu ängstlich. Dahinter steckt auch ein über die Jahre gewachsenes Misstrauen. Der Austausch von Stammdaten ist noch unkritisch. Aber bei den wirklich spannenden Themen, wie der gemeinsamen Produktentwicklung, überlegt ein Lieferant durchaus, welche Informationen er preisgibt und welche nicht. Zudem müssen die Systeme (CAD-Datenbank, Produktionsdaten, Kundendaten u. ä.) miteinander kommunizieren können. Dinge, die bei außereuropäischen Firmen längst zum Alltag gehören und erst langsam auf die Agenda des hiesigen Mittelstands rutschen. 

Kooperation statt Konkurrenz: Vertrauen schaffen

Ihre Ängste können die Unternehmen nur ablegen, indem sie die neuen Techniken und Möglichkeiten Schritt für Schritt ausprobieren und deren Vorteile erleben. Wer die Konkurrenzbrille dann gegen die Kooperationsbrille austauscht, findet eine Antwort auf den globalen (Plattform-)Wettbewerb. Indem er sich mit anderen Lieferanten verbündet, kann er günstiger, schneller und innovativer neue Kundenlösungen, Produkte und Services entwickeln, als alleine. 

 

Bedenkt man alleine schon die vielen Möglichkeiten, regional, deutschland- oder europaweit mit anderen Unternehmen zusammenzuarbeiten, gewinnen sie neben neuen Innovationen auch ganz neue Marktpositionen im globalen (Plattform-)Wettbewerb. So gibt es im Automobilsektor oder im Maschinenbau zahlreiche Cluster, die den Gedanken „Kooperation statt Konkurrenz“ verstärkt erlebbar machen müssen. Es muss der Wirtschaft in gemeinsamen Anstrengungen gelingen, Misstrauen und Ängste untereinander abzubauen. 

 

Online-Plattformen: Standards ausbauen 

Im Bereich der C-Teile, wie Büromaterialien und Katalogen, funktionieren Einkaufsplattformen heute bereits sehr gut und die Plattformen arbeiten sich aktuell zu den B- und A-Teilen weiter. In wenigen Jahren werden auch Rohmaterialien oder komplexe Dienstleistungen über solche Plattformen eingekauft werden können. Allerdings müssen dazu noch allgemeine (Markt-)Standards geschaffen werden.

 

Die Business-Plattformen haben ein enormes Entwicklungspotenzial, welches man heute noch gar nicht beziffern kann. Wenn heute beispielsweise Verbraucher bei Amazon oder eBay einkaufen, können sie mit einem Klick anhand von Bewertungen und Verkäuferprofilen erkennen, ob man dem Verkäufer vertrauen kann. Auch die exakte Verfolgung der eigenen Lieferung nach dem Track & Trace Prinzip ist für Verbraucher kein Problem. Solche intelligente Anwendungen fehlen im B2B-Bereich weitgehend. Dieses Beispiel zeigt, wie hoch die Potenziale der Plattformen sind, um unter anderem Synergien zu schaffen und Doppelarbeiten zu vermeiden. 

 

Die Experten rechnen zudem damit, dass es in einigen Jahren eine Meta-Plattform geben wird, die dann alle anderen Plattformen unter ein Interface (Bedienoberfläche) dank interoperablen Schnittstellen zusammenziehen.

 

Der Einkauf muss sich wichtiger nehmen

Heute arbeiten Einkaufsabteilungen im Tagesgeschäft fast nur an der Spitze des Eisbergs. Viele Sachen werden durch gewunken, weil einfach die Zeit fehlt. Daher fragen sich immer mehr Einkäufer, was ist eigentlich die Kernkompetenz unserer Firma und wofür sollte ich meine knappen Ressourcen aufwenden. Denn nur dann können sie einen elementaren Beitrag zur Wertschöpfung des Unternehmens beitragen. 

 

So gibt es für das Unternehmen strategisch wichtige Warengruppen, Lieferanten und Prozesse, die dazu prädestiniert sind, das eigene Unternehmen voranzubringen. Aber es gibt auch kritische Teile und Dienstleistungen, bei denen sich die Frage stellt, wie wichtig sie für das Unternehmen wirklich sind. Diese zumeist operativen Einkaufsbremsen gilt es auszulagern bzw. zu digitalisieren, damit sich der Einkauf auf das Wesentliche konzentriert. Gelingt ihm dieser Fokus, kann er unheimlich viel bewegen. 

 

In den kommenden drei bis fünf Jahren wird sich der Einkauf zu 100 Prozent so auf die Kernkompetenz seines Unternehmens konzentrieren. Alles was nicht dazu zählt, wird digitalisiert oder durch Outsourcing flexibilisiert und muss nicht mehr selbst erledigt werden. Man kann damit rechnen, dass in den kommenden fünf bis zehn Jahren nahezu alle operativen Einkaufsprozesse digitalisiert sind. Dann klappt es auch besser mit Industrie 4.0.

Digitaler Einkauf: Unternehmen hinken zehn Jahre hinterher

Die Unternehmen sind beim Thema Digitalisierung völlig unterschiedlich aufgestellt. Es gibt jene, die die digitalen Möglichkeiten voll ausschöpfen, aber auch sehr viele, die die Digitalisierung aus den verschiedensten Gründen kaum für sich nutzen. Der durchschnittliche mittelständische Einkauf hat noch ungeahnte Potentiale. Wichtig ist es für den Mittelstand, weniger große Projekte perfekt umzusetzen, als vielmehr vieles in kleinen Schritten auszuprobieren. Beispielweise indem man unkritische Prozesse auslagert und kleine digitale Helfer für den Alltag testet.

 

Zudem sollten bereits eingeführte digitale Insellösungen von der Vertragsdatenbank, über purchase-to-pay und eAuctions bis hin Lieferantenwertungstools, miteinander vernetzt werden. Alleine dadurch kann man viele smarte Kräfte freisetzen. Wenn ein Unternehmen beispielsweise ein purchase-to-pay System hat, kann der Einkauf prüfen, wo eine Rechnung zweimal bezahlt wurde, obwohl er sie nur einmal bezahlen muss. Wenn hinter einen purchase-to-pay Prozess eine Vertragsdatenbank steht, können Einkäufer leichter kontrollieren, wann sie eine Rechnungen zahlen, wann habe ich eigentlich vertraglich vereinbart zu zahlen und zahle ich vielleicht zu schnell. So werden die Anwendungen greifbarer, bauen Ängste ab und motivieren. 

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